Ingo Zacharias

Freiheit des Jetzt

Vom Gedanken-Ich zur Präsenz-Identität

Das Gefühl der Ich-Kontinuität – eine große Täuschung und eine große Wahrheit

Wir alle haben das Gefühl, kontinuierlich hier zu sein. Wenn wir am Ende eines Tages zurückblicken, sagen wir z. B.: „Ich hatte heute einen guten Tag. Heute Morgen habe ich mal nicht im Stau gestanden und mein Arbeitstag war auch nicht so stressig. Und heute Abend hatte ich noch ein schönes Treffen mit einer Freundin.“

Immer war das Gefühl, dass „Ich“ in jedem Augenblick des Tages gegenwärtig war. Das, was „Ich“ erlebt oder getan habe, war ganz verschieden über den Tag, aber das „Ich“ selbst, der empfundene Ich-Bezugspunkt, ist gefühlt immer gleich geblieben. Deshalb wird auch kein Wort häufiger benutzt als das Wort „Ich“.

Dieses Gefühl der Ich-Kontinuität haben wir genauso, wenn wir einen Monat, ein Jahr oder mehrere Jahrzehnte zurückblicken: „Im letzten Monat war ich ganz oft auf Dienstreise.“, „Letztes Jahr war ich oft krank.“, „Vor 20 Jahren bin ich noch mit dem Rucksack durch die Welt gereist, aber heute kann ich mir das nicht mehr vorstellen.“, „Schon mit 10 Jahren habe ich davon geträumt, einmal Hubschrauberpilot zu werden, und bis heute kann ich mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“

Wenn wir nun gefragt werden, was dieses gleichbleibende „Ich“ genau ist, zeigen wir spontan auf unseren Körper und sagen: „Ja, ich hier“. Aber der Körper und der dazugehörige Geist sind nicht gleichbleibend. Beide verändern sich – auf lange Sicht und von Moment zu Moment.

Das wissen wir natürlich und sagen dann so etwas wie: „Klar habe ich mich verändert. Ich sehe natürlich anders aus als mit 20. Und ich habe heute oft ganz andere Ansichten und Vorlieben als früher. Also ist ganz klar: Ich habe mich verändert! Aber eben Ich! Bei all der Veränderung bin immer Ich das gewesen.“

Der Satz „Ich habe mich verändert“ ergibt keinen Sinn

Schauen wir uns die „doppelte Sichtweise“ in dem Satz „Ich habe mich verändert“ noch etwas genauer an. Einerseits drücken wir damit aus, dass „Ich“ ein anderer geworden bin: Aus „Ich Nr. 1“ ist „Ich Nr. 2“ geworden, dann „Ich Nr. 3“ und „Ich Nr. 4“, usw. „Ich“ bin also nicht mehr das ursprüngliche, sondern immer wieder ein neues „Ich“.

Andererseits sagen wir damit aber auch, dass immer „Ich“ es bin, der sich verändert hat. Das heißt, dass der Ich-Bezugspunkt oder Ich-Kern von dem Körper-Geist-Komplex, der vorher so war und jetzt anders ist, gleich geblieben ist! Das Gefühl ist also, dass sich das „Ich“ selbst von „Ich Nr. 1“ zu „Ich Nr. 2“ zu „Ich Nr. 3“ usw. wie die Schnur bei einer Perlenkette durchgezogen hat und kontinuierlich dagewesen ist.

Ein Bezugspunkt bedeutet, dass hier etwas ist, das im Angesicht von Veränderung gleich bleibt, das statisch ist. Stell dir vor, du stehst am Bahngleis und siehst die Züge vorbeifahren. Die Züge kommen und gehen, d. h. die Wahrnehmung der Züge verändert sich ständig. Aber der Punkt, von dem aus die vorbeifahrenden Züge wahrgenommen werden, bleibt unverändert. Er ist statisch und heißt „Ich“.

In diesem Beispiel ist offensichtlich, dass „Ich“, der Zugbeobachter, das gleichbleibende Element bin, und die Wahrnehmung der Züge das sich verändernde Element sind. Bezogen auf den Satz „Ich habe mich verändert“ müssten wir hier aber sagen, dass wir der Beobachter, das Statische, und das Beobachtete, das sich Verändernde, sind!

Entweder bleibt unser „Ich“, unser Ich-Bezugspunkt, gleich, dann würde der Satz „Ich habe mich verändert“ keinen Sinn machen. Oder es hat Veränderung stattgefunden, dann gäbe es kein „Ich“, dass in der Veränderung von Körper und Geist konstant geblieben ist und von sich selbst „Ich habe mich verändert“ sagen könnte. Der Satz ergibt also so oder so keinen Sinn!

Joan Tollifson bringt auf den Punkt, was die Tatsache der Veränderung in letzter Konsequenz bedeutet: „Wir erkennen […], dass alles unbeständig ist, dass diese Unbeständigkeit so tief greifend und vollständig ist, dass sich kein Ding (no-thing) überhaupt jemals bildet, um unbeständig zu sein.“

Ein „Ding“ kann nur da sein und als solches definiert werden, wenn es in irgendeiner Form als etwas Beständiges betrachtet wird. Wie könnte man sonst überhaupt von einzelnen Dingen sprechen? Aber dass ein gleichbleibender Bezugspunkt oder Kern weder bei Dingen noch bei Lebewesen – und hier ganz besonders bei „mir“ – zu finden ist, widerspricht zutiefst unserem alltäglichen Empfinden.

Die Aussage „Ich habe mich verändert“ beinhaltet also bei genauer Betrachtung ein unauflösliches Paradoxon. Sie drückt aus, dass „Ich“ mich verändert habe und dass „Ich“ gleich geblieben bin! Dieser „Irr-Sinn“ begleitet uns unser ganzes Leben, aber wir gehen ihm schön aus dem Weg und betrachten ihn ja nicht näher – vermutlich, weil wir ahnen, dass sich damit die Wahrnehmung von uns selbst und der Welt fundamental verändern könnte.

Ich bin hier – ununterbrochen

Wenn wir auf das Erleben des Augenblicks schauen, wird unmittelbar deutlich, dass das, was erscheint, sich ständig verändert. Gedanken tauchen auf und werden durch neue ersetzt. Gefühle und Körperempfindungen tauchen auf und verändern sich ständig, bevor sie irgendwann wieder ganz aus dem Erleben verschwinden. Und die Dinge, die wir im Außen wahrnehmen, sind sowieso äußerst flüchtige Erscheinungen. Aber in all dem wechselvollen Erleben haben wir das Gefühl, immer gegenwärtig zu sein, immer als „Ich“ hier zu sein, als das „Ich“, dem oder in dem all das geschieht.

Ist dieses kontinuierliche Ich-Gefühl, das wir trotz aller Einwände haben, nun eine große Täuschung oder doch eine Wahrheit?

Betrachte das, was im Erleben von Augenblick zu Augenblick da ist, und sage zu dir: „Ich bin hier. Das, was ich erlebe (oder gerade habe oder tue), verändert sich ständig. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Sinneswahrnehmungen kommen und gehen im ständigen Wechsel. Aber Ich bin hier – ununterbrochen“.

Nimm dir Zeit und schau, ob du diese Aussage aus dem direkten Erleben bestätigen kannst. Schweife nicht ab in die Gedankenwelt, die Welt der Vorstellungen und Überzeugungen. Überprüfe vielmehr deine Überzeugung, dass das kontinuierliche „Ich“ existiert und entweder die Gesamtheit von Körper und Geist ist oder in diesem Körper-Geist als eine Art Kern oder Zentrum vorhanden ist.

Was kannst du im direkten, nicht-gedanklichen Erleben feststellen? Die beschreibenden Worte zu dem Erkennen kommen immer erst nach dem direkten Erleben.

„Ich bin hier – ununterbrochen und unverändert.“ Ist das wahr im direkten Erleben?

Schau genau hin. Wieder und wieder. „Ich bin hier – vor, während und nach diesem Gedanken, nach diesem Gefühl, nach dieser Sinneswahrnehmung.“

Ein einfaches Gefühl von Präsenz

Trotz aller logischen Gegenargumente ist das Gefühl, kontinuierlich hier zu sein, nicht zu leugnen. Aber als was bist du hier? Bist du als etwas Greifbares oder Sichtbares hier – als das, was wir die „Person“ nennen? Oder bist du als etwas anderes hier?

Das kontinuierliche Ich-Gefühl ist nicht in den Elementen zu finden, die die Person ausmachen, von der wir normalerweise sprechen, wenn wir „Ich“ sagen. Die Elemente sind alle gerade nicht kontinuierlich hier, wenn wir genau hinschauen. Es ist nur ein wiederkehrender Gedanke, der behauptet, dass „Ich“ irgendwie als oder in diesem Körper und Geist immer hier bin und so eine persönliche Lebensgeschichte zu erzählen habe. Das direkte Erleben von Augenblick zu Augenblick deckt sich jedoch nicht mit dieser Überzeugung.

Aber etwas ist hier. Etwas, das kein Etwas ist. Etwas, das kein Ding ist, das keine Beständigkeit als Form hat. Was ist das? Ich nenne es ein einfaches Gefühl von Präsenz, von Gegenwärtigkeit. Dieses Gefühl – das kein Gefühl im gewöhnlichen Sinne ist – ist kontinuierlich hier. Dieses Gefühl verändert sich nicht.

Es ist ein offenes, weites Gefühl von Hiersein. Aber dieses Hiersein kann nicht als konkrete Form gesehen oder an einem Ort festgemacht werden. Und doch: Da ist ein Selbst-Gefühl von Hiersein, von kontinuierlichem Hiersein.

Dieses Gefühl hat keine persönliche Geschichte. Dieses Gefühl ist weder Körper noch Geist. Dieses Gefühl kennt keinen Alterungsprozess.

Es gibt also eine Ich-Kontinuität, aber wir haben dieses Gefühl fälschlicherweise der Person, diesem Körper-Geist-Komplex, zugeordnet. In Wirklichkeit gehört es zur unpersönlichen Präsenz, zum einfachen, offenen Dasein. Das kontinuierliche Selbst-Gefühl ist also eine große Täuschung und eine große Wahrheit.

„Ich = bin = hier.“

Wenn sich das Identitätsgefühl zu dieser formlosen Präsenz zurückverlagert, endet jegliches Leiden. Eine große Freiheit durchzieht dann diesen Körper und Geist (was nicht heißt, dass wir uns immer „wohlfühlen“), denn hier kann „Ich“ von nichts getroffen und durch nichts verändert werden.

Das kontinuierliche Ich ist zeitlos und immer unversehrt.

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„Ich“ bin das, wozu ich nicht mehr „mein“ sagen kann


  1. Ingrid

    Lieber Ingo,
    ich finde, dass du dieses Paradox wunderbar beschrieben hast. Das „ich“, das das wunderbar findet, existiert irgendwo, aber nicht da, wo „ich“ es meist suche … :-).
    Vielen Dank und liebe Grüße

  2. Maria

    Da ist dieses kranke Kind, das die Eltern wach hält – sehr wach…
    Da ist diese Firma, die die Geschäftsführer wach hält….
    Da ist diese durchgeknallte Schwester, die die ganze Familie wach hält…..
    Da ist KLIMA das die ganze Welt wach hält…..
    Da ist dieses Leben, das alle wach hält….

    Jede/n hält etwas anderes wach –
    was hält dich wach?
    Krishnamurti sagt: „Ich habe nichts gegen das was geschieht“.
    Hält und also das wach, was geschieht?

    Darin enthalten ist alles – auch Ziele und Wünsche. Wobei Vorsicht: da gilt es genauer hinzusehen!

    Bin ich ganz ehrlich uns schaue frei, ohne Vorliebe, ohne Abneigung, auf das was geschieht, „weiß“ ich, daß ich ES bin – alles – und daraus kommt die Verantwortung, daß ich es……
    sich lösen lasse, ES sein lasse
    indem ich kein Problem daraus mache
    sondern „nur“ BIN
    So nah dran, daß

    NICHTS mehr bleibt.

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