Ingo Zacharias

Freiheit des Jetzt

Vom Gedanken-Ich zur Präsenz-Identität

„Ich“ bin das, wozu ich nicht mehr „mein“ sagen kann

Was genau ist mit dem Wort „Ich“ gemeint, wenn wir sagen: „Ich habe diesen Gedanken“, „Ich habe diese Körperempfindung“, „Ich habe dieses Gefühl“, „Ich habe dieses Erleben“?

Fast immer sind wir mit dem beschäftigt, was wir denken, was wir empfinden, was wir fühlen und was wir erleben. Aber jeden Augenblick können wir innerlich zurücktreten und feststellen: „Das ist mein Gedanke“, „Das ist meine Körperempfindung“, „Das ist mein Gefühl“, „Das ist mein Erleben“.

Einerseits betrachten wir alle diesen Körper-Geist als „Ich“. Ganz offensichtlich ist das für uns, wenn wir etwas außerhalb von ihm erleben. Wir sagen dann: „Ich sehe das Meer“, „Ich höre die Musik“, „Ich sehe dich“. Und immer meinen wir damit: „Ich, dieser Körper-Geist, habe dieses Erleben. Das ist mein Erleben.“

Andererseits sehen wir das, was wir in diesem Körper-Geist erleben, auch als „mein“ an. Wir sagen: „Ich denke das“, „Ich fühle das“. Und meinen damit „Ich habe diesen Gedanken. Das ist mein Gedanke.“, „Ich habe dieses Gefühl. Das ist mein Gefühl.“

So wird das, was an Gedanken, Körperempfindungen und Gefühlen erscheint, von „Ich“ zu „mein“, von einem Subjekt zu einem Objekt. Und dann bin „Ich“ hier, irgendwie übergeordnet und getrennt von dem, was dort erscheint und „mein“ ist. Wir werden zum Besitzer dessen, was in uns passiert und empfinden uns selbst – für uns nahezu unmerklich und unbedeutend – als getrennt davon.

Zwischen den beiden Selbstbeschreibungen von diesem Körper-Geist als „Ich“ und „mein“ pendeln wir ständig hin und her, ohne uns des Widerspruchs, der in ihm liegt, bewusst zu sein. Denn etwas kann nicht gleichzeitig „Ich“ und „mein“ sein. Ich kann nicht mit etwas identisch sein und zugleich als Besitzer davon etwas anderes sein.

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Nimm dir einige Augenblicke Zeit, um nach innen zu schauen. Gedanken tauchen auf, Körperempfindungen tauchen auf, Gefühle tauchen auf. Und immer kannst du innerlich zurücktreten und sagen: „Ich habe diesen Gedanken. Das ist mein Gedanke.“, „Ich habe diese Empfindung. Das ist meine Empfindung.“, „Ich habe dieses Gefühl. Das ist mein Gefühl.“

Gedanken tauchen auf, in denen das Wort „Ich“ vorkommt und du über dich und das Leben nachdenkst. Körperempfindungen und Gefühle werden gespürt und kommentiert. Aber immer kannst du zurücktreten und sagen: „Ich bin hier und habe gerade das (diesen Gedanken, diese Empfindung, dieses Gefühl).“

Vielleicht kannst du im Moment nicht genau sagen, was dieses „Ich“ ist, aber trotzdem scheint hier etwas zu sein, was nicht identisch ist mit dem, was da an unterschiedlichen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen ist. Denn wäre das nicht so, könnten sie gar nicht wahrgenommen werden. Es braucht immer etwas, das sich in einer gewissen Distanz befindet, um überhaupt etwas anderes zu erkennen und es dann „mein“ nennen zu können. Anders ausgedrückt: es braucht immer ein Subjekt, um ein Objekt wahrnehmen zu können und dann eine persönliche Beziehung dazu herzustellen.

Da ist also ein Ich-Gefühl, das sich als Besitzer von deinem (!) Körper und Geist ansieht und damit genau nicht das ist, was den Körper und Geist ausmacht: es ist kein Gedanke, es ist keine Körperempfindung, es ist kein Gefühl (und es ist keine – nach außen gerichtete – Sinneswahrnehmung).

Was ist dann das „Ich“, auf das wir uns jeden Tag beziehen? Ist es Nichts – also nur eine große Täuschung? Oder doch Etwas – hat also eine bestimmte Form? Spüre und schau nach innen: „Das, was ich habe, was kurzzeitg mein ist (das Objekt), kommt und geht, es wechselt ständig. Aber Ich (das Subjekt) bin hier – ununterbrochen und unverändert.“

Ich bin das, wozu ich nicht mehr mein sagen kann.“

Dieses „Ich“ hat keine Stimme und keine Form, ist also kein sichtbares und definierbares Etwas. Aber es ist auch nicht Nichts, weil es wahrnimmt, weil es präsent ist, und zwar beständig. So könnte man es „Nicht-Etwas“ nennen: es ist wie ein stiller, leerer Raum, in dem alles auftauchen, sein und durchziehen kann, aber der selbst von all dem unberührt und frei bleibt.

Mach dir immer wieder bewusst, dass du zu allem, was innerlich auftaucht, „mein“ sagen kannst, und es damit nicht das „Ich“ selbst sein kann.

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Auch wenn sich das jetzt alles richtig anhören und anfühlen mag, übernimmt doch die lange verinnerlichte Überzeugung, dass „Ich“ dieser Körper-Geist bin, schnell wieder das Kommando. Entweder indem wir über alle möglichen, vermeintlich wichtigen Dinge, die „mich“ betreffen, nachdenken müssen, oder indem wir etwas ganz persönlich nehmen (negativ oder positiv).

Die folgende kleine Übung ist hilfreich, wenn sich das Ich-Gefühl durch viele Ich-Gedanken wieder verlagert hat und die Tatsache völlig unwichtig erscheint, dass „Ich“ hier bin und alle Gedanken als „meine“ ansehe. Sage dann langsam innerlich: „A … B … C … D … E … F … G … H … I … J … K …“.

Wenn die Gedanken so von jedem Inhalt und damit von jedem Ich-Bezug befreit sind, ist sofort wieder spürbar, dass das Ich-Gefühl nicht in der Gedankengeschichte ist – also dort, wo das Selbstbild von dir als Körper-Geist immer wieder reproduziert wird –, sondern dass es außerhalb davon ist.

Ich bin das, zu dem diese Gedanken gehören, was diese Gedanken hat!“

Die Vorstellung, dass „Ich“ dieser Körper-Geist bin und mich durch Zeit und Raum bewege, ist ein Gedanke, und der Gedanke findet in mir statt, im „Ich“, das all die Gedanken hat. Dieses „Ich“ ist zuerst da, vor und unabhängig von allen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen.

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Warum ist es jetzt so wichtig zu erforschen, was wir genau unter dem Wort und dem Gefühl „Ich“ verstehen? Weil wir alle glauben, dass „Ich“ dieser Körper-Geist bin und von daher auch alles, was dort auftritt, direkt „mich“ betrifft. Aus diesem Grund kämpfen wir unser ganzes Leben darum, dass „Ich“ mich körperlich und geistig/seelisch möglichst viel wohlfühle und möglichst wenig unwohl fühle. Und hierzu versuchen wir entweder die richtigen äußeren Bedingungen herzustellen oder die inneren Bedingungen direkt zu beeinflussen.

Aber kann das, was du gerade durch Selbst-Erforschung als „Ich“ erkannt und erlebt hast, sich unwohl fühlen? Kann es unzufrieden sein oder an etwas leiden?

Kann es getroffen werden oder sich verletzt fühlen? Kann es sich größer oder kleiner fühlen, etwas bekommen oder verlieren?

Kann es krank werden und eingeschränkt sein? Kann es altern und sterben?

„Ich“, das wahre Subjekt, bin niemals in der Objekt-Welt unterwegs. „Ich“ bin nicht in der Welt von Form und Zeit, von getrennten Dingen und Wesen und ihrer Veränderung, zuhause.

Ohne Form seiend, kann „Ich“ niemals mit einer (physischen oder mentalen) Form kollidieren und von ihr beinflusst werden oder mit ihr in Konflikt geraten. „Ich” bin immer in Harmonie und im Einklang mit dem, was gerade da ist.

Und wenn das Erleben von Einklang immer häufiger da ist, verschwindet irgendwann jede Trennung in Subjekt und Objekt, in „Ich“ und „Andere(s)“, in Formlosigkeit und Form. Alles hat dann einen Klang.

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„Ich“ bin das, wozu ich nicht mehr „mein“ sagen kann. Wenn du dich als diese leere Präsenz aushalten kannst, bist du frei.

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  1. Maria

    Lieber Ingo,
    da deine Worte sehr selten kommen, treffen sie meist besonders. So ging es mir jedenfalls heute früh, als ich obigen Artikel gelesen habe. Er hat mich bis ins Mark getroffen und ich möchte mich herzlich bei dir für deine Worte bedanken.
    „Ich“ bin das, wozu ich nicht mehr „mein“ sagen kann .
    Das wird mich hoffentlich noch lange begleiten und ich kann es mir wieder und wieder in Erinnerung rufen.
    Und dann: Ah! Einatmen, ausatmen, reden, lesen lieben, putzen, handeln, lachen, weinen, sein.

    • Ingo Zacharias

      Liebe Maria,
      es freut mich, dass dich der Artikel „bis ins Mark“ getroffen hat und er dir eine Unterstützung ist, immer wieder zu der Freiheit, die du bist, zurückzukommen. Vielen Dank für deinen Kommentar.

  2. Ingrid

    Lieber Ingo,
    ich danke dir auch vielmals, weil das Objekt-Ich beim Lesen kurzzeitig verschwindet und nur noch das Subjekt-Ich da ist. Dann wechselt es wieder und dann wieder zurück und alle Wechsel sind völlig in Ordnung und ich muss nicht wissen, was der nächste Augenblick bringt …
    Vielen herzlichen Dank dafür :-)!

    • Ingo Zacharias

      Und ist das „Ich“, das nicht wissen muss, was der nächste Augenblick bringt, ein Objekt-Ich oder das Subjekt-Ich? – Danke für dein Feedback.

  3. Olaf

    Hallo Ingo,
    schön Deine Zeilen zu lesen.
    Du schreibst von einem Ich-Gefühl und hierbei stolpere ich etwas. Das Gefühl ich zu sein kennt wohl jeder sehr gut. Meine Frage ist jedoch, wer genau ist derjenige, indem dieses ICH-Gefühl auftaucht?
    Wenn danach gesucht wird, wird nichts gefunden und ehrlich gesagt, wird auch der Suchvorgang nach demjenigen der das Ich-Gefühl bemerkt, wahrgenommen.
    So ein wenig kommt man an eine Grenze, die keine Lösung beinhaltet.
    Was macht „man“ damit nun?

    • Ingo Zacharias

      Hallo Olaf,
      wie fühlt es sich an, wenn du nichts oder niemanden finden kannst, in dem das Ich-Gefühl (oder die Suche nach dem, der das Ich-Gefühl bemerkt) auftaucht? Ist es verwirrend und verunsichernd oder ist es befreiend und friedvoll?
      Deine Worte hören sich so an, als würde der Geist eine Antwort oder Lösung suchen. Aber das Nicht-Finden – was jenseits des Denkens stattfindet – IST die Lösung. Es ist die Erkenntnis, dass hier keine Ich-Entität ist, die verletzt werden kann, die etwas verlieren kann oder der noch etwas fehlt – die jetzt also noch etwas damit machen müsste!
      Danke für deinen Kommentar.

      • Olaf

        Danke für Deine Antwort Ingo.
        Mir scheint es wird versucht dem Verstand die Argumente zu nehmen, dass es ein ICH/MICH geben kann. Du hast recht, es ist der Versuch des fragenden Geistes sich selbst durch Argumente zu entwaffnen.
        Der Verstand versucht, oder wer auch immer das tut, Klarheit darüber zu finden, dass dieses, was ich als „Wachheit“ bezeichnen würde, das ist, was meine Essenz ausmacht.
        In dieser „Wachheit“ erscheint der Versuch sie als ETWAS zu erkennen. Das Nicht-Finden wird als Lösung derzeit noch nicht akzeptiert!
        Der Verstand macht daraus eine Dauerschleife und versucht Argumente zu finden, das dieses Nichts die Lösung sein kann.
        Klingt das zu wirr?

        • Ingo Zacharias

          Nein, deine Beschreibung klingt sehr plausibel! Sogar das Nicht-Akzeptieren des Nicht-Findens erscheint immer wieder für kurze Zeit in dieser Wachheit und verschwindet dann wieder. Hat die Wachheit – also Du – ein Problem damit? Oder hat nur „dein“ Verstand ein Problem mit sich selbst (‚der Argumente finden will‘ vs. ‚der das Nicht-Finden nicht akzeptieren will‘)?

  4. Olaf

    Diese Wachheit selbst hat gar kein Problem damit. Ehrlich gesagt kann ich nichts finden, was die Wachheit berührt. Sie ist einfach da und ist präsent, für was auch immer. Sie kommentiert nicht, sie wählt nicht, sie tut nichts.
    Was jedoch geschieht ist, dass Gedanken kommen wie z.B. „sollte das die Lösung sein?“
    Du fragst ob ich damit ein Problem habe? Ich schon…(ich schmunzle).
    Die Wachheit nicht.
    Da stellt sich die Frage, wer bin ich, Ich oder Wachheit?
    Vielleicht erwartet Ich ein riesiges AHA und Himmelsposaunen und ein „Hallo Gottes“, du bist angekommen? Eine Art Bestätigung.
    Die bleibt aber aus. Nix passiert außer Wachheit. Ich, mein Verstand schließt daraus. „…nein du bist nicht fertig…, da muss doch noch ein Stempel ERLEDIGT drauf…
    Hier passiert jedoch etwas Komisches. Es nörgelt in mir herum über die Erkenntnis und dem Ausbleiben des Stempels aber der Wachheit entgeht das Nörgeln nicht und veranlasst ein schmunzeln, mit dem Zitat “ Gott hat keine Stempel, weil er keine Stempelfarbe hat“ Zitat Ende.
    Soweit dazu!

    Danke für unsere Konversation.

  5. Olaf

    Hallo Ingo,
    ich melde mich einfach noch einmal.
    Du schreibst :
    „Die Vorstellung, dass „Ich“ dieser Körper-Geist bin und mich durch Zeit und Raum bewege, ist ein Gedanke, und der Gedanke findet in mir statt, im „Ich“, das all die Gedanken hat. Dieses „Ich“ ist zuerst da, vor und unabhängig von allen Gedanken, Empfindungen und Gefühlen.“

    Ich habe festgestellt, dass dieses Ich-Gefühl eine persönliche Note, eine Betroffenheit besitzt. Dieses Ich hat all die Probleme, Wünsche, Neigungen und wegen ihm werden alle die Pläne für die Zukunft geschmiedet. Das „Mein persönliches Ich-Gefühl“ ist eine Erscheinung, die gesehen wird. Dadurch, dass diese Erscheinung gesehen werden kann, darf sehr wohl gefragt werden, wer das sieht. Wenn ich Deine Zeilen lese, müsste ich daraus schließen das es erneut ein „sehendes Ich“ gibt indem all das passiert.
    Passieren tut bei „mir“ jedoch Folgendes.

    Wird das „Mein persönliches Ich-Gefühl“ als solches gesehen, einsteht nach einer Weile ein „Vakuum“ ein Raum ohne Eigenschaft. Sollte in diesen Raum ein „Ich“ erscheinen, wie z.B. ein „sehendes Ich“ wird es erkannt. Das was da sieht ist kein Ich, auch kein Sehendes, oder täusche ich mich da? Da ist nichts was beschrieben oder benannt werden kann.
    Ich gebe zu darüber zuerst etwas verwundert zu sein, weil ja „Mein persönliches Ich-Gefühl“ seine Eigenexistenz verloren hat und durch nichts ersetzt wird.
    Ist das beängstigend? Eigentlich nein, denn wer, wenn nicht „Mein persönliches Ich-Gefühl“ hätte das für bedeutsam halten können. Das hat sich aber gerade als Emotional-gedanklicher Budenzauber herausgestellt.
    Es entsteht ein Zustand von Erstauntheit und freudvoller Verwirrung.
    Wird hier etwas noch nicht richtig erkannt? Unterliege ich hier wieder einer weiteren Täuschung?

    • Ingo Zacharias

      Jeder Gedanke – und damit jede Stimme, die etwas benennt oder kommentiert –, jedes Gefühl, jede Körperempfindung, jede Sinneswahrnehmung wird gesehen. Was bleibt dann als Ich, als das, was sieht? Gewöhne dich daran, dass du einfach hier bist wie ein offener, weiter Raum, in dem alles erscheint und wieder verschwindet. Das Gedanken-Ich ist clever, um weiter in irgendeiner Form die oberste Instanz zu bleiben. Besonders tückisch wird es, wenn dazu – und so scheint es bei deinen Gedanken zu sein – an sich richtige spirituelle Betrachtungen „gekapert“ werden. Reduziere deine Selbsterforschung für eine Weile auf ein einfaches Hinschauen im Augenblick und bemerke immer wieder schlicht: „Das wird gesehen, es kommt und geht. Aber Ich bin hier, Ich bleibe.“ Mehr nicht. Auch nicht „Und wer sieht jetzt diesen Gedanken?“!!

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