Ingo Zacharias

Freiheit des Jetzt

Vom Gedanken-Ich zur Präsenz-Identität

Anssi Antila: Sei still – Glaube keinem Gedanken

Das Interessanteste an jeder Person ist, dass sie nicht existiert.

„Person“ ist ein juristischer Begriff und bedeutet nicht das Gleiche wie „Mensch“. Im Alltag setzten wir beide Begriffe gleich, aber in der spirituellen Lehre meint man mit Person weder ein juristisches Abstraktum noch den Menschen. Person ist das, was du meinst, wenn du „ich“ sagst. Person ist die konditionierte Illusion ein getrenntes Einzelwesen zu sein. Person ist das psychische Ich, das Ego.

Die Person kann nicht erwachen. Die Person kann sich selbst nicht loslassen. Es gibt daher nur einen Weg, die Person loszulassen: Eine andere Instanz in dir (dein wahres Selbst) muss erkennen, dass es die Person nicht gibt. Das ist alles. Das Erwachen kostet keine Mühe. Es ist nur ein einfaches Durchschauen.

Kannst du das jetzt durchschauen?

Natürlich kannst du das jetzt durchschauen, denn dein wahres Selbst ist bereits da. Es gibt zwischen dir und deinem wahren Selbst keine Distanz, die es zu überbrücken gilt.

Aber wenn der erste Schritt bereits die Identifikation mit der Person ist, dann sind auch alle weiteren Schritte falsch. So wie bei einer mathematischen Gleichung: Hat man am Anfang einen Fehler gemacht, sind auch alle weiteren Schritte verkehrt. Was ist der erster Fehler? Du glaubst, dass du die Person bist.

Du fragst: Was kann ich tun oder nicht tun, um zu erwachen? Wenn du diese Frage stellst, ist es schon zu spät. Du hast dich bereits mit der Person identifiziert. Du glaubst bereits, dass du die Illusion bist. Wie soll die Illusion sich befreien? Das geht nicht. Der Träumer kann nicht erkennen, dass er träumt.

Du musst einen Schritt zurückgehen und dich fragen: Wer will erwachen? Welche Entität will etwas für sich? Wer will frei sein? Denn dieser jemand ist die Illusion.
Der Körper will nicht erwachen — du willst erwachen. Aber für was hältst du dich in dem Moment, wenn du glaubst, du müsstest etwas tun, um zu erwachen? Wer bist du in jenem Augenblick? Die Person.

Und schon gehst du am wesentlichen Punkt vorbei. Denn sobald du glaubst, eine Person zu sein, hast du die Trennung bereits erschaffen.

Du kannst jetzt sofort erwachen

Das Erwachen ist sehr viel einfacher als der Verstand sich das vorstellt. Es ist einfacher als einfach, weil du bereits dein wahres Selbst bist. Das warst du schon, bevor die Suche angefangen hat. Daher sage ich manchmal: Die spirituelle Suche endet, bevor sie beginnt.

Man könnte auch sagen: Alles, was du tun kannst, ist eine Illusion zu erschaffen und dieser Illusion zu glauben. Daher kannst du nichts tun, um zu erwachen.
Du bist bereits dein wahres Selbst. Aber du kannst eine Menge Dinge tun, um dich für etwas zu halten, das du nicht bist. Was tust du, um nicht zu sehen, was du bist? Du glaubst deinen Gedanken.

Du glaubst dem Gedanken: Ich müsste etwas tun.
Du glaubst dem Gedanken: Es gibt mich.
Du glaubst dem Gedanken: Ich habe eine Zukunft und eine Vergangenheit.
Du glaubst dem Gedanken: Es gibt einen Weg zum wahren Selbst.
Du glaubst dem Gedanken: Ich bin der Beobachter.
Du glaubst dem Gedanken: Noch bin ich nicht erwacht.

Das sind alles nur Gedanken.

Du kannst nichts tun, um zu erwachen

Du kannst nichts tun, aber du kannst etwas unterlassen: Glaube keinem Gedanken. Sei still.

Anssi Antila

Anssi Antila

Du bist schon erwacht. Es ist dein Tun und dein Glaube, was die Illusion der Trennung kreiert: du identifizierst dich mit dem, was du nicht bist: der Person.

Ich sage: sei still. Die Person denkt dann: „Okay, ich bin jetzt still. Still, still, still. Na und? Jetzt war ich 10 Minuten still und nichts ist passiert. Es hat nicht Klick gemacht. Ich bin nicht erwacht.“ So spricht die Person. So spricht die Illusion. Das sind alles nur Gedanken.

Du glaubst dieser Stimme und denkst dann, „sei still“ funktioniert nicht. Aber „das funktioniert nicht“ ist auch ein Gedanke. Glaubst du einem Gedanken, bist du nicht still. Sei still, bedeutet: Glaube dieser inneren Stimme nicht. Egal, was sie dir erzählt. Sie ist die Illusion.

„Bin ich schon erwacht?“ So spricht die Illusion.
„Ich bin noch nicht erwacht.“ So spricht die Illusion.
„Was kann ich tun, um zu erwachen?“ So spricht die Illusion.

Das alles sind nur Gedanken.

Sei still – Glaube keinem Gedanken

Sobald du still bist, entsteht eine Lücke, in der niemand vorhanden ist. Die Illusion wird versuchen, diese Lücke zu schließen, weil sie Angst hat, sich in der Lücke zu verlieren. Und du hörst auf die Illusion.

Das muss nicht so sein. Die Illusion, diese innere Stimme, die Selbstgespräche führt, hat keine Macht. Sie erhält erst Macht, wenn du ihr glaubst.

Diese Stimme nimmt dich nicht wahr; du nimmst sie wahr. Sie ist abhängig von dir, nicht du von ihr. Das Leben braucht diese Stimme nicht, um zu sein. Wahrnehmung geschieht auch ohne Stimme, ohne Person.

Du bist sofort frei, wenn du erkennst, dass derjenige in dir, der mehr will als das, was gerade ist, nicht existiert. Dass derjenige, der auf eine Veränderung wartet, nicht existiert. Dass derjenige, der nicht das will, was gerade ist, nicht existiert. Dass derjenige, der etwas für sich will, nicht existiert. Dass derjenige, der erwachen will, nicht existiert.

Die Person existiert nur aufgrund deiner Beteiligung. Du erschaffst sie immer wieder. Du erschaffst die Trennung immer wieder. Wie? Du glaubst, dass die Person, die durch Gedanken zu dir spricht, tatsächlich existiert.

Dabei reicht ein einziger Moment der Stille, um zu erkennen, dass es jenseits deiner eigenen Gedankenwelt keine Person gibt.

Alles, was existiert, ist nur das Jetzt und die Unsichtbarkeit = dein wahres Selbst, welches das Jetzt enthält. Eine Einheit.

Und es ist die Illusion, die dazwischen ruft. Glaubst du ihr, entsteht die Illusion der Trennung. Diese Trennung existiert nicht wirklich. Du bist eins mit der Gegenwart.

Fazit

Du lässt die Person los, indem du erkennst, dass sie nicht wirklich existiert. Sie ist nur ein Gedanke. Du erschaffst die Illusion der Trennung, weil du aus Gewohnheit annimmst, das du die innere Stimme bist, die mit anderen spricht und im Geiste mit sich selbst. Die Stimme, die etwas will oder etwas nicht will. Das bist du nicht.

Sei still. Wenn du jetzt sofort erwachen willst, dann sei still, glaube dieser Stimme nicht. Sie ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit wird erst erkannt, wenn du keinem Gedanken glaubst. Jetzt!

Du bist nicht die Person. Du bist die Aufmerksamkeit hinter der Person. Die Aufmerksamkeit braucht keine Person, um zu sein. Das Leben, das Jetzt, braucht keine Person, um zu sein. Sein ist kein Tun. Sein ist kein Gedanke. Sein ist kein Wissen. Sein ist nicht persönlich.

Erleuchtung findet man nicht, indem man etwas tut. Erleuchtung ist im Vorfeld schon deine Natur. Erleuchtung findet man, wenn erkannt wird, dass es die Person nicht gibt. Was erkennt das? Nicht die Person.

Die Person, der Sucher, hat überhaupt nichts von der Erleuchtung, weil die Person nicht existiert. Sie ist nur ein Gedanke.

Die Aufmerksamkeit, die du bist, erkennt sich selbst und sie erkennt, dass die Person und damit das ganze persönliche Leben nur ein Gedanke ist: Eine Illusion.

Wenn das in dir erkannt wird, bist du sofort frei, weil damit sofort erkannt wird, das es kein Leben gibt, jenseits von diesem Moment. Der Moment verändert sich nicht. Der Inhalt des Momentes verändert sich. Die Inhalte sind zeitlich, der Moment ist zeitlos.

Du hast das Leben jenseits des Jetzt noch nie wahrgenommen. Es gibt keine Person und keine persönliche Vergangenheit — auch keine Zukunft. Außer: als Gedanke.

Die Wahrheit hat nichts mit deiner Person zu tun. Die Wahrheit hat nichts mit Zeit zu tun. Du bist die Wahrheit: das Jetzt. Und die Aufmerksamkeit, in der das Jetzt erscheint. Die Wahrheit ist das, was bleibt, wenn du dich selbst vergisst. Sei still.

Quelle: Anssi Antila „Wie lasse ich die Person los?“

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  1. Niemand ist in der Lage seinen Gedanken „einfach nicht zu glauben.“ – Das sind geglaubte Theorien, die Anssi da verbreitet. Jedem Gedanken wird ohne Kontrollmöglichkeit geglaubt.

    • Ingo Zacharias

      Auch dieser Gedanke ist eine Theorie! – Für mich sind Anssis Aussagen sehr schöne Hinweise auf die Stille und Freiheit, die jenseits des Gedankens-Ichs liegt, und die grundsätzlich immer da ist. Um das zu erkennen, sind mir persönlich mehr konkrete Anleitungen wichtig, auch differenziert danach, wo sich ein Mensch gerade auf seinem spirituellen Weg befindet. Aber wer weiß? Die Wege des Erwachens sind unergründlich und für manche mögen diese Hinweise schon reichen. Oder sie können zumindest immer wieder einen intuitiven Zugang zum Raum der Stille eröffnen!
      Übrigens: Die Formulierung „seine Gedanken einfach nicht zu glauben“ kommt genau so gar nicht in Anssis Artikel vor.

      • Diana

        Ja, wie sollten wir unseren Gedanken einfach nicht glauben und warum überhaupt? Wir kennen ja auch nichts anderes. Die M a c h t der Gewohnheit. Wenn das Gewohnte in der Lage ist uns Glück und Freiheit zu schenken – schön. Tut es ja scheinbar nicht. Warum sonst halten wir Ausschau nach etwas? Und dieses … muss etwas Ungewohntes sein, sonst wären wir damit vertraut. Wir vertrauen also Gewohntem ganz selbstverständlich ohne es in Frage zu stellen.

        Ein Spiel: Wie wäre es, wenn wir schon immer, seit unserer frühesten Kindheit gehört hätten, dass Gedanken nicht das Leben, nicht real sind. Gedanken sind da, das ist ok, aber glauben müssen wir ihnen nicht, wenn wir nicht wollen. Wir hätten es von überall gehört, von unseren Eltern, in der Schule, von anderen Kindern, von allen anderen Menschen, es kam sogar jeden Tag in den Nachrichten. Wir wären es also schon immer gewohnt. Damit wäre das heute unsere Realität und vollkommen normal. Wir würden es nicht im Geringsten anzweifeln.

        Vollkommen verrückt? Sogar vermessen? Vielleicht.
        Vielleicht aber auch nicht.

        • Ingo Zacharias

          Ja, das wäre toll. Vielleicht irgendwann einmal… Vielen Dank für deinen Kommentar, Diana.

      • Matthias

        Das ist ausnahmsweise keine Theorie. Sondern ich habe es an mir selbst, meiner Freundin und an 200 meiner Seminarteilnehmer ausprobiert. Keiner kann es. Und ich versuche es schon seit 8 Jahren.

        Ich habe eine Extra Web-Seite dazu eingerichtet, wo ich Erwachte aufgefordert habe mir zu sagen, ob diese Fähigkeit „Gedanken einfach nur zu beobachten“ mit dem Erwachen kam, oder ob sie das vorher schon konnten. 7 Erwachte haben mir bestätigt, dass das ein Phänomen ist, das mit dem Erwachen kam. Darunter Rania Blau und Werner Ablass. (Schau hier, wenn’s dich interessiert: http://www.spiritueller-blog.com/koennen-erwachte-gedanken-beobachten)

        Und jetzt gibt es einige Erwachte (wie Anssi) die glauben, man müsse das den Normalos nur als Anweisung geben und dann könnten sie es auch. „Schau her, ich kanns ja auch, also muss es jeder können…“

        Der Schmetterling sagt zur Raupe: „Fliegen ist einfach – flieg einfach los – schau ich kann es ja auch“. Wobei dem Schmetterling nicht klar ist, dass er das selbst nur NACH der Transformation konnte und diese Anweisung bei der Raupe nur Frustration auslöst, denn sie ist schlicht undurchführbar!

        Genau so ist es auch mit dem „Gedanken beobachten“. Erwachte haben einen Shift, danach können die meisten scheinbar ihre Gedanken beobachten („Nicht identifizieren“, „laufen lassen“…usw oder wie auch immer sie das nennen). Aber dann kommt der fatale Fehler: Sie denken, dass muss ich dem Sucher nur als Anweisung geben, dann kann er’s auch. Und sie haben vergessen, dass das eine Fähigkeit ist, die mit dem Erwachen kam.

  2. Gudrun

    Also, mir helfen die Aussagen von Anssi weiter! Es gibt, was er sagt, es ist da. Mit dem Durchnehmen von Ein Kurs in Wundern, kam mir die erste Idee, und je mehr ich zum Schluss kam, desto mehr von den Augenblicken habe ich, in denen ich „weg“ bin, weg von der Person, und dann bin ich Liebe und Frieden.
    Es sind nur Augenblicke, und ich kann sie nicht bewusst aufrufen, aber da ist nun die Gewissheit, dass ist, was ist, und es hat sich viel mehr Gelassenheit, inneres Gleichgewicht, eingestellt, selbstauferlegte Zwänge fallen immer mehr weg. Ich will auch nicht mehr logisch unbedingt alles verstehen wie früher, kann annehmen, was „auf meinen Teller“ kommt, das Fürchten vor unerwartetem Unangenehmen nimmt Abschied.
    Das macht mich sehr dankbar.
    Alles Liebe ♥

  3. Gudrun

    ♥♥♥

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