Ingo Zacharias

Freiheit des Jetzt

Vom Gedanken-Ich zur Präsenz-Identität

Als was bist du hier im Strom von Gedanken, Gefühlen und Sinneswahrnehmungen?

Woraus besteht unser Leben? Aus Erleben! Klingt banal, ist es aber nicht. Denn oft sind wir so in unseren Konzepten und Vorstellungen gefangen, dass wir diese einfache Tatsache nicht mehr mitkriegen. Unser Leben besteht einfach aus Erleben. Und zwar in jedem Augenblick unseres Lebens.

Wenn wir jedoch von Erleben sprechen, meinen wir fast immer nicht das Erleben selbst, sondern unsere Bewertungen des Erlebens. Wir sagen „Der Sonnenuntergang war ganz toll“, „Das Wetter im Urlaub war meistens schlecht, deshalb hat es uns nicht so gut gefallen“, „Mein Rücken tut so weh, dass ich es kaum aushalte“ oder „Dass mein Partner dann so reagiert hat, fand ich unmöglich“. All diese Aussagen drücken nicht das direkte Erleben des Augenblicks aus, sondern unsere nachträgliche Bewertung, unseren nachträglichen Kommentar über das Erlebte.

Direktes Erleben bedeutet einfach: Etwas sehen, etwas hören, etwas fühlen, riechen, schmecken oder Gedanken und innere Bilder wahrnehmen. Sehr selten sind wir uns dieses unmittelbaren Erlebens jedoch bewusst, weil wir so schnell und scheinbar selbstverständlich einen gedanklichen Kommentar zum Erleben abgeben. Um aber überhaupt einen Kommentar zu irgendetwas abgeben zu können, braucht es vorher dieses direkte Erleben. Sonst gäbe es gar keinen Bezugspunkt für unsere Bewertung, die wir dann als „Erleben“ bezeichnen!

Unser direktes Erleben besteht also – nach außen gerichtet – aus Sinneswahrnehmungen und – nach innen gerichtet – aus Gedanken, inneren Bildern, Gefühlen und Körperempfindungen. Mehr nicht. Das sind alle Formen des Erlebens von uns selbst und der Welt, die wir haben – und jemals haben werden.

Das einzige, was noch zusätzlich da ist, ist die Fähigkeit des Wahrnehmens oder Erlebens selbst. Diese Fähigkeit nennen wir Bewusstsein oder Gewahrsein. Aber dieses Bewusstsein ist nicht etwas, dass wir als Objekt wahrnehmen oder erleben können. Von daher fällt es uns meistens nicht auf bzw. wir nehmen es als selbstverständlich vorhanden an.

Unser gesamtes Leben ist ein unablässiger Strom dieses einfachen, direkten Erlebens. Ein Erleben kommt – und geht wieder. An seine Stelle tritt ein anderes Erleben – und auch das vergeht wieder. Und schon ist das nächste Erleben da … und wieder verschwunden. Manches scheint öfter wieder zu kommen, z. B. bestimmte Gedanken oder Gefühle, aber auch die vergehen wieder und werden durch ein anderes Erleben ersetzt.

Wer oder was bin ICH in diesem Prozess?

Die spannende Frage ist nun: Als was bin ICH hier in diesem Strom? Schließlich haben wir doch die feste Überzeugung, dass Ich der Erlebende bin, dass Ich nicht mit dem Erlebten komme und wieder gehe, sondern als konstante Einheit, als feste Entität „dahinter“ vorhanden bin und bestehen bleibe.

Wenn du ganz direkt diesen Strom des Erlebens wahrnimmst, wo bist du dann zu finden? Als erlebendes Etwas? Als erlebender Fixpunkt?

„Hier bin ich – als dieser Körper und dieser Geist“ ist vielleicht deine spontane Antwort. Das ist aber zunächst einmal nur ein Gedanke. Und dieser Gedanke ist, wie jeder andere Gedanke auch, vergänglich. Er kommt und geht wieder. Wir sagen diesen Satz also nicht unentwegt zu uns selbst: „Hier bin ich, hier bin ich, hier bin ich…“.  Aber er scheint so stark und wirkmächtig zu sein (zumal er von allen anderen Menschen um uns herum geteilt wird), dass er für uns eine Realität ist. Sprich, er scheint ein Ausdruck der Wirklichkeit (der physisch sichtbaren Realität) zu sein, auch wenn wir ihn nicht denken. Aber ist das so?

Alle Gedanken sind Vorstellungen, Überzeugungen, Konzepte. Im besten Fall sind sie gute Abstraktionen der Realität, d. h., sie bilden annäherungsweise ab, was wirklich real „da draußen“ vorhanden ist. Im ungünstigen Fall – der leider öfter vorkommt als wir glauben – haben aber unsere Gedanken sehr wenig bis nichts mit der Realität zu tun.

Stell dir z. B. eine Orange vor. Neben dem Gedanken „Orange“ entsteht das mentale Bild einer Orange, vielleicht sogar ein Empfinden für den Geschmack einer Orange. Aber ist dieses innere Bild identisch mit einer wirklichen Orange? Mit einer Orange, die unmittelbar berührt, gefühlt, geschmeckt wird? Mit dem direkten Erleben, das immer einzigartig ist, immer wieder neu und anders? Nein. Die mentale Abstraktion ist nur eine Annäherung an die reale Orange. Sie ist nicht identisch mit der direkt erlebten Realität. Das zu sehen ist ganz wichtig, fällt uns aber sehr schwer, weil wir so daran gewöhnt sind, unsere Gedanken und inneren Bilder als Abbild der Realität zu betrachten.

Also: Als was bist du hier? Im direkten Erleben? Jetzt? Jenseits deiner mentalen Selbst-Bilder?

Sinneswahrnehmungen tauchen auf, Gefühle und Körperempfindungen sowie Gedanken – auch Gedanken über dich. Aber alle sind im Fluss, sie kommen und verschwinden wieder. Doch du hast die Überzeugung, dass du immer noch hier bist. Als was???

Kannst du dich finden? Und wenn ja, ist es dann nicht wieder ein Gedanke, ein inneres Bild oder eine Körperempfindung? Die auftauchen und wieder vergehen? Und du erlebst dich als immer noch hier da seiend. Als was?

Manchmal tauchen intensive Wellen von Gedanken und Gefühlen auf und scheinen dich völlig zu besetzen. Aber selbst dann: Sind bisher nicht all diese Wellen – so real und wichtig sie im Moment ihres Erscheinens auch waren – wieder abgeklungen und dann völlig verschwunden?

Du bist das Erleben selbst

Die Antwort auf die Frage „Als was bist hier von Moment zu Moment?“ ist also nicht in einem Gedanken, einem inneren Bild oder Gefühl zu finden. Nimm dir Zeit und tauche ein in dieses direkte Erleben. Dieses Erleben, das so flüchtig ist, und das doch als Erleben selbst fortbesteht.

Vielleicht bist DU dann dieses Erlebens selbst?

Nimm dich selbst wahr als dieses Erleben. Nimm wahr, dass das Einzige, was du nicht nicht sein kannst, dieses reine Erleben ist. Dieses Erleben, das selbst keine Form hat, aber die Basis für jede auftauchende Form ist. Dieses Erleben, das einfach ist – ohne einen auffindbaren Erlebenden dahinter.

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  1. stefan

    Mhm … beautiful 🙂

    … „die Wahrnehmung des direkten Erlebens im Strom der Augenblicke“ …

    wo „die Wahrnehmung des direkten Erlebens“ und „der Augenblick“ … ungeteilt, also nicht ZWEI oder MEHR sind! … VOLLständig und Perfekt

    … wo Worte … nur Leere Zeiger sind …

    und auch dieses Verständnis … sich in Nichts auflöst

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